Wenn der Schweinehund und das Innere Team diskutieren

Soll ich? Oder besser nicht?

Vermutlich kennen wir ihn alle: den Schweinehund. Manchmal hat er etwas beinahe Liebenswertes, denn natürlich ist seine Intention auch die, uns zu beschützen. Er will uns vor unüberlegten Handlungen bewahren, Überforderung verhindern, uns in Entspannung statt ins übermässige oder gar riskante Handeln bringen. Dabei kann er sich verdammt stur anstellen und steht uns und so mancher lebensbejahender Entscheidung trotzig im Weg – wie ein kleines, renitentes Kind.
Diesem (in der Transaktionsanalyse „Rebellisches Kind-Ich“ genannten) bockig sich verweigernden Anteil stand ich heute mal wieder gegenüber. Und beinahe hätte ich ihm nachgegeben, dem Schweinehund.

Die bequeme Lösung: Nachgeben

Seit Juni schwimme ich nahezu täglich 22 Minuten – es gab nur wenige Ausnahmen. Die Wassertemperaturen lagen im Bereich im Hochsommer um die 20 Grad, im Frühjahr und im jetzt zunehmenden Herbst variieren sie zwischen 13 und 17 Grad. Aktuell sind die Nächte bereits kalt, so erwärmt sich das Wasser auch tagsüber kaum noch und heute, am 13. September, sind es erneut 13 Grad. Der Unterschied zum gestrigen Strahletag: Es war ganztags bewölkt, die Sonne kam nur gelegentlich kurz durch und gewährte mir somit keinerlei Chance, meinen Körper wieder in ihrer Wärme zu „entfrosten“.
Natürlich schlüpfe ich nach dem spätnachmittäglichem Bad meist in Wolle, aber ein paar Minuten Sonnenbad zuvor machen einen wahrnehmbaren Unterschied. Offen gestanden: Ich hätte Monsieur Le Schweinehund tatsächlich beinahe nachgegeben. Denn bewegt hatte ich mich ja heute schon beim morgendlichen Qigong und auf einem langen Spaziergang.

Die (für mich) bessere Lösung: Das Innere Team befragen

Seit 14 Jahren arbeite ich in meinen Coaching-Sitzungen mit meinen Klientinnen und Klienten immer wieder überaus gerne und erfolgreich u.a. auch mit einer von Prof. Friedemann Schulz von Thun entwickelten Methode: dem Inneren Team. Es basiert auf dem Gedanken, es gäbe (wie in einer Sportmannschaft) in jedem und jeder von uns mehrere unterschiedliche Team-Charaktere. Manche von ihnen wollen sich lautstark in den Vordergrund drängen und das Geschehen im Innen wie Außen bestimmen. Andere wiederum kauern schüchtern oder leicht beleidigt in einer Ecke und warten ab, ob sie nicht vielleicht doch noch mal entdeckt werden, denn dann könnten sie endlich all ihre Expertise in unser Handeln einbringen. Wichtig dabei: All diese Inneren Teammitglieder haben ihre Daseinsberechtigung und sind per se erstmal in Ordnung, da sie hilfreich für uns agieren wollen. Wir betrachten sie also wertfrei, bewerten sie weder als „gut und hilfreich“ noch als „doof und lästig“.

Wir müssen unser Inneres Team kennen, um es sinnvoll nutzen zu können

Solange wir unser Team nicht kennen, macht es leider, was es will: Die Lautstarken übernehmen das Kommando, die Leisen schmollen in ihrem Versteck vor sich hin. Das kann überaus hinderlich und kontraproduktiv sein. Hier ziehe ich gerne den Vergleich zum Trainer einer (Fußball- oder sonstigen Teamsport-)Mannschaft: will er sein Team erfolgreich an die Spitze der jeweiligen Liga führen, so muss er die einzelnen Mitglieder mit den ihnen innewohnenden Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken kennen, um dann zu entscheiden, in welcher Kombination er sie situationsgerecht auf den Platz stellt, wen er für den Fall der Fälle auf der Reservebank platziert und wen er zuhause lässt oder gar in Urlaub oder Reha schickt.

Der Teamrat tagt – die Entscheidung ist getroffen

Als „Head of my team“ stellte ich im ersten Schritt die mir für diese Entscheidung wesentlich erscheinenden Teammitglieder zusammen: Die Selbstfürsorgliche, die Ehrgeizige, die Neugierige, die Ängstliche, die Innehalterin und die Genießerin. Die insbesondere sonntags recht fordernd auftretende Prokrastinella hielt ich bewusst raus. Und schnell war klar: 13 Grad sind 13 Grad und natürlich schwimme ich auch heute. Sollte mir währenddessen zu kalt werden, könnte ich jederzeit abbrechen. Würde ich trotz der Wollbekleidung später frieren, so stünden mir mehrere Möglichkeiten zur Erwärmung zur Verfügung: von einer warmen Dusche bis zu Tee oder einer Suppe, von einer dickeren Wollschicht bis hin zur Decke nebst Heizkissen. Was soll das Rumgeeiere also?

Ein spürbarer Gewinn

Und vor allem: Ich weiß ja, wie gut mir Schwimmen in kaltem Wasser tut. Wie sehr ich bei mir bin. Wie sehr ich mich spüre. Wie ich währenddessen glücklich grinse oder sogar lache. Wo die Schwächen und Stärken meines Körpers liegen und worauf ich achten sollte. Wie stolz ich doch immer wieder bin, mich überwunden und dem Schweinehund nicht nachgegeben zu haben. Dass es morgen eventuell nur mehr 12 Grad sind und dass dann die Rückkehr umso schwerer fallen würde. Wie easypeasy das doch letztlich zu entscheiden ist. Und: Dass mir immer wieder völlig absichtslos gute Ideen beim Kaltwasserschwimmen in den Sinn kommen.
Wie heute dieser Blogpost. Der erste seit fünf Jahren, übrigens.
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